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Œuvre


Kunst in Europa ab 1450


Künstlerisches Wirken

Die internationale Verbreitung des gotischen Stils war vor allem im Süden Europas von relativ kurzer Dauer. Bereits ab 1420 wurden in der Malerei und Bildhauerei neue Versuche unternommen1.

In Italien machte sich allmählich eine Art Traditionsbewusstsein breit und man begann, sich der heidnischen Vergangenheit des antiken Rom mit Ehrfurcht zuzuwenden. Auch die antiken Schriftsteller fanden wieder Beachtung und Wertschätzung als Lehrer der wahren Menschlichkeit (Humanität)2.
Der Humanismus als Bewegung zu Beginn der Renaissance erstrebte die wahrhafte menschliche Bildung durch Kenntnis der antiken Kultur, Kunst und Literatur. Die Humanisten gewannen hohes Ansehen und man glaubte, ohne Kenntnisse der Philosophie Platons sei man weder ein guter Bürger noch ein guter Christ3.

Auch in der Kunst erfuhr die Antike eine Wiedergeburt, die Renaissance. In der Baukunst betonte man nun statt der gotischen Vertikale die Waagrechte und die Baukörper erhielten mathematische Formen wie Würfel, Zylinder, Kegel und Halbkugeln. Die Bildhauer, deren Vorliebe der Darstellung nackter Menschen galt, strebten nach Naturtreue4 und die Nacktheit wurde zum Sinnbild menschlicher Vollkommenheit5.
In Florenz, der künstlerischen Hochburg Südeuropas, begannen sich die Kunstschaffenden mit der Verkürzung und der Zentralperspektive, aber auch mit neuen Bildstrukturen zu beschäftigen und es gelang ihnen, ihren Bildern eine grosse räumliche Tiefe zu geben. Vornehmster Gegenstand der Malkunst aber war der schön gewandete, geschmeidig sich bewegende Mensch, in dessen Antlitz und Gestalt himmlische Hoheit und irdische Anmut verschmolzen6.

Die nordischen Künstler setzten sich wohl mit den Einflüssen aus dem Süden auseinander, übernahmen aber nur einzelne Elemente daraus und verwendeten sie, um eine eigenständige Kunst zu schaffen. Das führte dazu, dass sich der gotische Stil im Norden Europas noch praktisch während des ganzen 15. Jahrhunderts halten konnte. Insbesondere in den Niederlanden fanden starke Veränderungen im künstlerischen Schaffen statt. So entwickelten viele Künstler ein ausgeprägtes Gefühl für Landschaftsbilder, verwendeten aber nicht die neuen Erkenntnisse der Zentralperspektive, sondern blieben beim internationalen Stil, der vorwiegend von Paris geprägt wurde. Dafür waren sie umso überragender in der Behandlung ihrer Lichtführung: insbesondere die Lichteffekte bei Landschaften, beim Hintergrund und bei Interieurbildern wurden in einer bisher nie da gewesenen Genauigkeit wieder gegeben (7). Das Thema der Lichtführung wurde mittels verschiedener Materialien wie Holz, Brokat oder Metall in immer wieder neuen Varianten erarbeitet, denn die Beherrschung der Lichteffekte war vor allem für religiöse Darstellungen von unschätzbarem Wert, konnten doch die symbolischen Einzelheiten nun unglaublich scharf dargestellt werden und dem Betrachter schien es, als ob die Bilder in ein intensives überirdisches Licht getaucht wären7.
Auch die Porträtmalerei profitierte von den neuen Lichteffekten, denn es war nun möglich, die Modelle auf der Leinwand in körperlich förmlich spürbarer Präsenz darzustellen.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts vollzog sich allmählich ein Geschmackswandel, der nicht zuletzt auch dadurch ausgelöst wurde, dass immer mehr Fürsten und Könige florentinischen Künstlern Aufträge erteilten, im Glauben, diese seien mit der klassischen antiken Kunst verbunden und stünden deshalb für intellektuelle Qualitäten. Das hatte zur Folge, dass ab 1500 auch die nordischen Länder rasch zur Renaissance übergingen8.


Kunstförderung

Die Humanisten wie auch die Renaissancekünstler erfreuten sich grosser Beliebtheit und von Städten und Förderern der Kunst flossen ihnen Aufträge zu, mittels denen diese Mäzene Zeugnis ihres Ruhmes und ihres Reichtums ablegen konnten. Insbesondere den Dogen in Venedig und der Familie Medici in Florenz war es zu verdanken, dass diese beiden Städte durch ihren Reichtum und ihre Macht hervorragten9. Ihre grosszügige Kunstförderung führte dazu, dass die italienischen Künstler miteinander wetteiferten, denn ihre Arbeiten wurden von der leidenschaftlichen Anteilnahme der gesamten Stadtbevölkerung begleitet. Berühmte Künstler wie Leonardo da Vinci (1442-1519), Raffael (1483-1520) und Michelangelo (1475-1564) prägten das Kunstschaffen jener Zeit10.
Auch ausserhalb Italiens riefen Adelige immer wieder Künstler an ihren Hof und erteilten ihnen Aufträge, unter anderen bedeutende Sammler wie Philipp der Gute von Burgund, Philipp der Schöne von Burgund und Margarethe von Österreich11.


Kunstdokumentation

Bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts existierte noch kein echtes kunsthistorisches Werk, weil gar kein literarisches Interesse am Festhalten künstlerischen Arbeitens bestand12.
Im frühen 15. Jahrhundert begannen dann insbesondere im Süden Europas erfolgreiche Künstler und andere Autoren, kunstgeschichtliche Abhandlungen zu schreiben. Ihr Anliegen war es, die Renaissance der antiken Wertmassstäbe zu fördern und das Ansehen der künstlerischen Tätigkeit zu heben; so versuchte der Florentiner Bildhauer Lorenzo Ghiberti (1378-1455) als Erster, in seinen Commentarii eine grosse Linie innerhalb der Entwicklung der Kunst von der Antike an zu beweisen13.
Danach begannen die Italiener, ihre Kunstgedanken in theoretischen Schriften zu erläutern. Erstmals wurden Grundsätze der Kunst und ästhetische Unterscheidungen in literarischen Traktaten deutlich ausgesprochen14.
Im Norden Europas, wo sich die Gotik länger halten konnte, wurde keine derartige intellektuelle Dimension erreicht. Obwohl auch die nordischen Künstler ein Traditionsbewusstsein hatten, bot ihnen ihre Vergangenheit keine genügende Rechtfertigung, um ein eigenes künstlerisches Geschichtsbewusstsein zu entwickeln15.
Einzig der stark vom südlichen Schaffen geprägte Albrecht Dürer (1471-1528) fasste die Ergebnisse seiner Studien über Perspektive und Mathematik in der Malerei in mehreren Schriften zusammen16.
Nachdem die Renaissance nach 1500 auch im Norden Europas Einzug gehalten hatte und der Buchdruck erfunden worden war, änderte sich auch hier die Einstellung und die schriftliche Dokumentation des künstlerischen Schaffens nahm ihren Anfang. Erst jetzt wurden die Kunstwerke auch signiert, um eine klare Zuordnung zu ermöglichen.



1 Neue Enzyklopädie der Kunst, Deutscher Bücherbund GmbH Stuttgart 1982, Band 4, S. 612
2 E. Kaier: Grundzüge der Geschichte, Band 2, Verlag Moritz Diesterweg, 5. Auflage 1968, S. 155
3 Ebd., S. 155
4 Ebd., S. 156
5 Ebd., S. 158
6 Ebd., S. 158
7 Neue Enzyklopädie der Kunst, Deutscher Bücherbund GmbH Stuttgart 1982, Band 4, S. 612
8 Ebd., S. 612
9 Ebd., S. 616
10 E. Kaier: Grundzüge der Geschichte, Band 2, Verlag Moritz Diesterweg, 5. Auflage 1968, S. 159
11 Ebd., S. 158ff
12 Neue Enzyklopädie der Kunst, Deutscher Bücherbund GmbH Stuttgart 1982, Band 4, S. 612
13 Ebd., S. 15
14 Ebd., S. 15
15 Ebd., S. 616
16 Ebd., S. 616
17 E. Kaier: Grundzüge der Geschichte, Band 2, Verlag Moritz Diesterweg, 5. Auflage 1968, S. 170