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Hintergründe


Fazit


Hieronymus Bosch war praktisch der einzige Maler seiner Zeit, der einen auffallend anderen Stil als alle anderen Künstler vertrat1, obwohl seine Arbeiten in der Tradition des damaligen niederländischen Stils gehalten sind2. Auch seine Ikonographie steht im Grossen und Ganzen mit den kirchlichen Vorgaben im Einklang. Auffallend ist, dass seine Symbolsprache auf eine gründliche und tief greifende Kenntnis der vorherrschenden Kulturströmung nördlich der Alpen hinweist, die Ideen der Renaissance jedoch bleiben weitgehend unberücksichtigt3.
In der traditionellen Kunst jener Zeit entstanden Bildern, die wohl die Versuchungen durch den Teufel darstellten, sich aber immer an die von der Kirche vorgegebene Ansicht, dass Gott die Erde beherrsche, hielten.
Daneben gab es in der volkstümlichen Kunst auch Arbeiten, die eine Abwechslung zur ernsthaften religiösen Kunst bieten sollten. Diese possenhaften Darstellungen, Teufelchen und Szenen aus dem Alltagsleben verspotteten zwar oft die Konventionen von Kirche und Staat, gingen jedoch nie so weit, dass sie Anstoss erregen konnten. Boschs Gemälde haben viel mit dieser volkstümlichen Kunst gemeinsam, sind aber viel provokativer und prägnanter, denn er verwendete auch viele Symbole, die eine antiklerikale Einstellung und ein dualistisches Weltbild vermitteln 4.

Immer wieder gingen deshalb die Kunsthistoriker der Frage nach, ob Bosch ein Anhänger des katharischen Glaubens gewesen sei und diese Religion in seinen Bildern, aber auch in seinem Leben zum Ausdruck brachte. Unter dem Aspekt einer rein dualistischen Betrachtungsweise finden sich zahlreiche Hinweise und Bestätigungen dafür, dass Hieronymus Bosch ein Katharer gewesen sein muss, es aber gut verstand, seine wahre innere Überzeugung geheim zu halten5.
Indiz für seinen wahren inneren Glauben könnte auch die mutmassliche Kinderlosigkeit seiner Ehe sein, denn für die Katharer war die Sexualität verboten und Mann und Frau mussten zusammen leben wie Bruder und Schwester6.
Auch den wahren Grund seiner Reise nach Venedig kennen wir nicht. Wollte er sich von der Renaissance inspirieren lassen oder wollte er endlich mit Glaubensgenossen Kontakte pflegen können, war doch damals eine Gruppe von Katharern in Venedig ansässig7? Unter den Umständen, dass es keine eindeutigen historischen Quellen gibt, die eine Anwesenheit der Katharer in `s-Hertogenbosch belegen und dass der Glaube der Katharer zur fraglichen Zeit praktisch ausgerottet war8, fällt es schwer, dieser Theorie zu folgen.

Eine andere Gruppe von Kunsthistorikern vertritt dagegen die Meinung, Hieronymus Bosch sei ganz im Gegenteil höchstwahrscheinlich ein Adamit gewesen9, ein Mitglied jener mittelalterlichen Sekte, die für schamfreie Sexualität eintrat10. Sie berufen sich dabei insbesondere auf das Bild Der Garten der Lüste, in dem alle Menschen nackt dargestellt sind. Im Der Garten der Lüste könnten aber auch schon die Einflüsse der Renaissance, die ja die Nacktheit zum Sinnbild menschlicher Vollkommenheit erhob, spürbar sein.

Wieder andere Kunsthistoriker versuchen, Boschs Symbolik von der Alchimie und Astrologie her zu erklären11.

In seinen Bildern stellt Bosch die irdische Welt oft in Form eines Kreises dar, der von Wolken umgeben ist, in denen Teufelchen ihr Unwesen treiben. Die Oberfläche des Erdkreises wird von Dämonen und sonderbar geformten Pflanzen bevölkert12; ein des Teufels also oder Ausdruck deWerks damaligen Lebensgefühls, das geprägt war von Aberglaube und Angst?
Boschs Zeitgenossen sahen darin nichts Ketzerisches, denn seine Werke wurden offensichtlich bedeutend unkritischer interpretiert als heute; Wert wurde auf den Unterhaltungscharakter seiner Bildern gelegt. Da auch seine Ikonographie den damaligen Konventionen gerade noch entsprach, wurde nicht weiter nach dem tieferen Sinn der Bildern gefragt13.

Wahrscheinlicher ist, dass Boschs Bildern die Jahrhundertschwelle der Widersprüche zwischen der kirchlich gebundenen Bildwelt des Mittelalters und einer Kunstauffassung, welche die neue Ära der Sammlerkunst ankündigte, veranschaulichen:

„Bosch stand zwischen den Generationen, die sich an der Epochenschwelle um 1500 begegneten, und gewann seine persönliche Freiheit durch die zeitliche Situation eines „nicht mehr“ und „noch nicht“.“14

Klicken zur VergrösserungKlicken zur Vergrösserung`s-Hertogenbosch war damals eine Stadt der Buchdrucker und Buchhändler, eine Stadt der gebildeten Zirkel, eine Stadt der Kirchen und Klöster, aber auch des Handels. Es ist deshalb nahe liegend, dass die Ideen des aufkommenden Humanismus wie auch die Reiseberichte aus fernen Ländern bis nach `s-Hertogenbosch vorgedrungen sind15.
Hieronymus Bosch verkehrte Liebfrauen-Bruderschaftals Mitglied der in den höheren Kreisen der Stadt und er hatte Zugang zu den Schriften, illustrierten Büchern, Kupferstichen und Holzschnitten jener Zeit. Die daraus gewonnenen Informationen bracht er dann in seinen Bildern zum Ausdruck. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Giraffe, die auf dem Paradiesflügel des Gartens der Lüste und auf der „Sintflut“ – Tafel erscheint: Hieronymus Bosch hat sie unmittelbar einer der illustrierten Abschriften von Syriacus d`Anconas Reisebericht aus Ägypten entlehnt16.
Bildsprache und Themenwahl in seinen Gemälden sowie die Originalität, mit der er an die Tradition anknüpft und zugleich in subtiler Weise abweicht, zeugen von seiner umfassenden Bildung17.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich nicht nur Kunstkritiker, sondern auch Historiker, Psychologen, Soziologen, Sprachwissenschaftler, Ethnologen und Theologen im Lauf der Zeit mit dem Bildern des Hieronymus Bosch auseinander gesetzt haben. Dabei fanden sie die unterschiedlichsten und oft sich widersprechende Antworten, was zu vielen Theorien führte: Hieronymus Bosch der geniale Zeitzeuge, der Ketzer, der Katharer, der Revolutionär, der Drogenkonsument, der Wahnsinnige, der erste Surrealist und vieles mehr. Keine dieser Theorien konnte nachhaltig bewiesen werden und so bleibt nur die Tatsache, dass die Bildern Boschs über die Jahrhunderte ihre Anziehungskraft nicht verloren haben, also Zeit und Raum überschreiten, vermögen sie doch bis heute mit ihren Phantasien und Rätseln die Menschen zu faszinieren und zu inspirieren:

„Es ist von grosser Bedeutung, den Maler Hieronymus Bosch von den zahlreichen interpretativen Verbiegungen zu befreien, um die historische Gestalt zu entmythologisieren. Aber es ist ebenso wichtig, seine Magie nicht zu beeinträchtigen. Jede Zeit entdeckt einen neuen Bosch, und daran soll sich nichts ändern. Denn nur so kann dieser Maler des Fantastischen stets als eine Quelle der Inspiration dienen für immer neue Generationen, weltweit.“18



1 Neue Enzyklopädie der Kunst, Deutscher Bücherbund GmbH 1982, Band 4, S. 612
2 L. Harris: Hieronymus Bosch und die geheime Bildwelt der Katharer, Verlag Urachhaus Stuttgart, 1996, S. 27
3 Ebd., S. 28
4 Ebd., S. 30
5 Ebd., S. 36
6 R. Beiderbeck: Die Religion der Katharer (www.inet-p.de/kathglaub.htm)
7 L. Harris: Hieronymus Bosch und die geheime Bildwelt der Katharer, Verlag Urachhaus Stuttgart, 1996, S. 62
8 Ebd., S. 47
9 Ebd., S. 46
10 www.arianamania.de/maler/b/bosch/bosch.php
11 L. Harris: Hieronymus Bosch und die geheime Bildwelt der Katharer, Verlag Urachhaus Stuttgart, 1996, S. 47
12 Ebd., S. 36
13 L. Harris: Hieronymus Bosch und die geheime Bildwelt der Katharer, Verlag Urachhaus Stuttgart, 1996, S. 37
14 H. Belting: Hieronymus Bosch - Garten der Lüste, Prestel Verlag München, 2002, S. 8
15 Koldeweij, Vandenbroeck, Vermet: Hieronymus Bosch - Das Gesamtwerk , Belser Verlag Stuttgart, S. 59
16 Ebd., S. 60
17 Ebd., S. 59
18 Ebd., S. 8ff